„Begrabt mein iPhone® an der Biegung des Flusses / Damit ich endlich wieder atmen kann.“ – Peter Licht
„Enshittification beschreibt den Weg, den alle Tech-Plattformen gehen: Zuerst sind sie gut für Nutzerinnen, um sie anzuziehen. Dann nutzen sie die Nutzerinnen aus, um Geschäftsleute anzuziehen. Schließlich nutzen sie die Geschäftsleute aus, um sich selbst zu retten. Das ist der natürliche Weg des Monopols.“ – Cory Doctorow
Als Mitarbeiter des IKOB habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie grundlegend sich der digitale Unterbau eines Museums auf dessen Haltung und Handlungsfreiheit auswirkt. Unser seit 2017 eingeschlagener Weg weg von Big Tech (Microsoft und Co.) hin zu einer Open-Source-basierten Infrastruktur (Nextcloud) ist kein einfacher, aber ein notwendiger Schritt – und zugleich ein Lernprozess über Verantwortung, Autonomie und Vertrauen.
Lange Zeit war auch für uns das Microsoft-Ökosystem – wie für die halbe Welt – selbstverständliche Grundvoraussetzung unserer Arbeit: E-Mails wurden über Outlook verwaltet, Dateien in der Cloud gespeichert und geteilt und während der Pandemie trafen wir und selbstverständlich auf Teams und Zoom. Textverarbeitung lief und läuft noch immer weitestgehend über Word und Tabellen wurden und werden mit Excel verwaltet. Auch wenn alles scheinbar reibungslos funktionierte, wurde im Laufe der Zeit jedoch klar, dass diese Bequemlichkeit ihren Preis hat – nicht nur in Form von Lizenzen, sondern in echter Abhängigkeit. Wir alle wissen, dass wir unsere Daten aus der Hand geben, vertrauten dennoch auf undurchsichtige Serverstrukturen und kaum regulierte Geschäftspraktiken. Wir nahmen in Kauf, dass unsere Arbeitsweise sich den Logiken von Konzernsoftware anpasste und nicht die Software an unsere konkreten Bedürfnisse. Microsoft ist nur ein Beispiel. Google mit seiner Suchmaschine, Meta mit Facebook und Instagram. Amazon mit seinem Online-Warenhaus und neuerdings auch Serverparks, auf denen der Großteil aller digitalen Prozesse läuft.
Der Entschluss, diesen Weg zu verlassen und nach europäischen Alternativen zu suchen, kam nicht aus einem plötzlichen Aktivismus heraus, sondern aus der still und leise gewachsenen Einsicht, dass ein öffentlich finanziertes Kunstmuseum anders handeln sollte als bisher. Freier, selbstbewusster und letztlich auch ehrlicher. Schritt für Schritt begannen wir, die Kontrolle zurückzugewinnen – zunächst durch den Aufbau einer eigenen Nextcloud-Instanz. Diese Plattform, betrieben auf einem Server in Deutschland, wurde zu unserem sicheren Hafen: einem Ort, der wachsen und schrumpfen, Fehler verzeihen und mit uns lernen kann.
Heute dient uns Nextcloud nicht nur als sicherer Datenspeicher, sondern als vielseitige Arbeitsumgebung – mit Kalendern, gemeinsamer Dokumentenbearbeitung und interner Kommunikation, die wir jedoch so gut wie nie nutzen, weil wir uns einmal die Woche persönlich treffen. Die selbstverwaltete Nextcloud zwingt uns jedoch, die Dinge bewusster zu gestalten: Zugriffsrechte zu überdenken, Datenflüsse zu verstehen, Prozesse zu dokumentieren.
Warum wir das als kleines Museum, ohne IT-Abteilung und EDV-Spezialisten, dennoch tun? Ganz einfach! Weil wir diesen Wandel als Teil unseres kulturellen Auftrags betrachten. Wer über digitale Souveränität spricht, darf sie nicht nur fordern, sondern muss sie leben – auch im Kleinen. Die Unabhängigkeit, die wir uns dadurch zurückerobern, betrifft nicht bloß Server oder Software, sondern eine Haltung: die Weigerung, Kunst und Kultur den Logiken globaler Plattformen zu unterwerfen.
Dass digitale Konzerne aus den USA als Verstärker autoritärer Politik nicht erst seit der Wiederwahl Trumps agieren, war längst bekannt. Im europäischen Mainstream ist dieser Umstand jedoch erst seit 2025 angekommen, seit die sogenannte PayPal-Mafia und ihre Tech-Oligarchen direkten Einfluss auf Trump nehmen und ganz offen ihre Agenda zur Entfaltung bringen. Wenn wir heute über Microsoft, Google und andere Tech-Giganten sprechen, dann geht es uns nicht nur um Software, schlaue Apps oder praktische Werkzeuge, sondern um eine Infrastruktur, die tief in die politischen Machtverhältnisse eingreift. Diese Unternehmen sind nicht neutral. Sie sind private, profitorientierte Akteure, deren Plattformen und Cloud-Dienste längst zu kritischen Infrastrukturen für Staaten, Gerichte, Universitäten und Kulturinstitutionen geworden sind. In dem Moment, in dem autoritäre Regierungen diese Abhängigkeiten politisch ausnutzen, kippt scheinbare Bequemlichkeit in Erpressbarkeit.
Die Regierung Trump hat in den letzten Jahren sehr deutlich gemacht, wie eng digitale Infrastruktur und Machtpolitik ineinandergreifen können: Sanktionen, Drohungen und politischer Druck wurden gezielt eingesetzt, um internationale Institutionen zu schwächen, missliebige Akteur:innen zu isolieren und geopolitische Interessen durchzusetzen. Tech-Konzerne, die in diesen juristischen und politischen Rahmen eingebettet sind, werden dabei zu faktischen "Erfüllungsgehilfen" – selbst dann, wenn sie das nicht offen wollen oder benennen. Wenn ein Cloud-Betreiber ein Konto sperrt, eine Kommunikation blockiert oder Zugänge kappt, weil eine US-Behörde es verlangt, dann zeigt sich im Kleinen, wie leicht demokratische und rechtsstaatliche Prozesse von außen unterlaufen werden können.
Am deutlichsten wird dies bei den Machenschaften von Trumps ICE-Truppe. So zeigt die Zusammenarbeit zwischen Palantir und Amazon exemplarisch, wie willentlich die Tech-Giganten nicht nur passive Lieferanten, sondern aktive Architekten von ICEs Überwachungs- und Deportationsmaschinerie sind.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich unsere strukturelle Komplizenschaft, wenn wir an US-Technologie festhalten: Denn die Big-Tech-Konzerne profitieren wirtschaftlich auch von unseren Regierungen, die auf digitale Aufrüstung, Überwachung, Grenzschutz und Sicherheitsnarrative setzen. Umgekehrt profitieren autoritäre Regierungen von Konzernen, die über Daten, Algorithmen, Kommunikationskanäle und Rechenzentren verfügen. Dies sind Dynamiken, die sich gegenseitig anfeuern – durch gemeinsame Interessen: mehr Kontrolle, mehr Datensammlung, mehr Abhängigkeit von zentralisierten Plattformen. Für die Demokratie sind das toxische Rückkopplungsschleifen.
Gerade aus der Perspektive eines Museums wird aktuell überdeutlich, was hier auf dem Spiel steht, denn Kultur ist auf offene Diskurse angewiesen, auf Widerspruch, Dissidenz, Minderheitenpositionen. Autoritäre Politik und datenhungrige Plattformökonomien haben jedoch ein gemeinsames Interesse daran, Komplexität zu reduzieren: in Zielgruppen, in Profilen, in Erzählungen. Was nicht in die Logik des Algorithmus passt, gerät aus dem Sichtfeld; was politisch stört, lässt sich technisch drosseln, ausblenden oder delegitimieren.
Unser Weg hin zu Nextcloud ist deshalb nicht nur eine IT-Entscheidung, sondern eine kulturpolitische Geste: Wir wollen nicht Teil eines Ökosystems sein, das autoritäre Tendenzen verstärkt, sondern an der Seite jener stehen, die auf Dezentralität, Transparenz und demokratische Kontrolle setzen.
Die besondere Rolle, die kleine und große Kunstmuseen in diesem Kontext spielen, geht jedoch noch weiter. Wir verstehen uns als einen unverzichtbaren Anbieter und Förderer, durch den Bildkompetenz vermittelt wird – wir sind ein gesellschaftlich relevanter Raum, in dem Menschen lernen können, Bilder zu lesen, ihre Codes zu entschlüsseln und ihre Macht zu hinterfragen. Wenn bildgenerierende KI-Systeme eine immer größere Rolle in der visuellen Kultur spielen, kann es uns daher nicht egal sein, welche Weltbilder sie produzieren und normalisieren. Sie schreiben sich in die Bildökonomie ein, also in die Frage, welche Bilder überhaupt zirkulieren, welche sichtbar werden und welche unsichtbar bleiben.
Genau hier liegen die Gefahren, auf die unzählige Wissenschaftler:innen und Nichtregierungsorganisationen wie z.B. Roland Meyer (Zürich) in seinen Thesen zur KI hinweisen: KI-Bildsysteme sind nicht neutral, sondern reproduzieren die Daten, mit denen sie trainiert wurden – und damit auch überholte Stereotype, koloniale Bildordnungen, heteronormative und rassistische Sichtweisen. Sie erzeugen Bilder, die so "glatt" und vertraut wirken, dass sie ihre Ideologie unsichtbar machen: Der "normale Körper", die "normale Familie", die "normale Stadt" erscheinen plötzlich wie naturgegebene Standards, während Abweichungen exotisiert, sexualisiert oder kriminalisiert werden. Die Faszination über die technische Brillanz verdeckt dabei leicht, dass hier bestehende Machtverhältnisse ästhetisch stabilisiert und verstärkt werden.
Vorsicht ist geboten, aber nicht als Technikfeindlichkeit, sondern als doppelte Strategie: Erstens müssen Museen prüfen, wie bildgenerative KI ihre Praxis unbemerkt faschisieren kann – durch Hierarchieverfestigung, Pathologisierung von Abweichungen und die Zementierung normativer Menschenbilder. Zweitens müssen sie aktiv Gegenbilder schaffen: Künstler:innen fördern, die KI-Mechanismen sichtbar machen und sabotieren, sowie Vermittlungsformate entwickeln, um Besucher:innen zu befähigen, KI-Bilder als ideologische Konstruktionen zu lesen. Diese doppelte Bewegung aus kritischer Reflexion und aktiver Gegenstrategie ist entscheidend, um Museen als demokratische Räume zu erhalten.
Der Ausstieg aus Big-Tech-Abhängigkeiten ist kein linearer Triumphzug, sondern ein zäher, oft frustrierender Prozess voller Kompromisse – und genau das macht ihn umso dringlicher zu thematisieren. Selbst bei ersten unsicher-tastenden Schritten wie unserem Wechsel zu Nextcloud bleiben Plattformen wie Facebook und vor allem Instagram in der Kunstwelt nahezu "unkündbar". Sie dominieren die Sichtbarkeit: Museen posten stolz ihre Ausstellungen, Künstler:innen ihre Installationsansichten – und füttern damit eine Plattform, die kulturelle Inhalte zu Rohstoff für Profit macht, während sie kritische Stimmen drosselt oder ausblendet. Keine Ökonomie ist derart existenziell an das Konzept der Autor:innenschaft gebunden und gleichzeitig ist abgesehen von der Politik keine Ökonomie derart lax und sorglos im Umgang mit Sozialen Medien wie die Kunstwelt. Gleichzeitig unterwandern KI und AI jede Form von Autor:innenschaft, die nicht AI-generiert ist.
Die allgemeine Scheu vor dem Ausstieg ist verständlich, aber fatal: Sie fördert die Abhängigkeitsgeflechte und normalisiert eine Situation, in der Kultur nicht mehr selbstbestimmt kommuniziert, sondern auf Plattformregeln reagiert. Gerade deswegen müssen die Museen vorangehen – nicht als perfektes Vorbild, sondern als ehrliches Labor: Wir experimentieren mit Mastodon und Pixelfed, produzieren Podcasts, die wir bewusst nicht auf den großen Plattformen hosten, wissend, dass wir zahlreiche Hörer:innen nicht erreichen werden. Wir bauen neue Newsletter auf und laden zu analogen Begegnungen ein. Dieser Weg ist mühsam, kostet Zeit und Nerven, aber er ist der einzige Weg, um nicht Teil einer digitalen Lehnspflicht zu bleiben, deren Schlinge immer enger gezogen wird, je stärker die autoritären Kräfte global um sich greifen. Nur wenn immer mehr Institutionen und Privatpersonen diesen Schritt wagen, wird die Kunstwelt ihre Autonomie zurückerobern – statt sich freiwillig der Big-Tech-Ideologie zu fügen.
Hier finden diejenigen, die sich einlesen wollen eine kleine Linksammlung:
[1] Google: Was bedeutet die Kartellklage der US-Regierung
[2] Microsoft will keine Konten wegen US-Sanktionen mehr ...
https://www.zeit.de/news/2025-06-04/microsoft-will-keine-konten-wegen-us-sanktionen-mehr-sperren
[3] Die Macht der Tech-Giganten: Trumps Waffe gegen Europa
[4] Strafgerichtshof tauscht Microsoft durch deutsche Lösung aus
[5] USA vs. Google: Der große Tech-Monopol-Fall
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/google-prozess-usa-microsoft-monopol-zerschlagung-1.6216086
[6] Trump und „Big Tech“ – Deutschland digitale ...
[7] Ohne Microsoft und Google? Europas Unternehmen im IT- ...
[8] Europas langsamer Abschied von den US-Tech-Riesen
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/digitales/tech-industrie-eu-digitale-souveraenitaet-100.html
[9] Digitale Erpressbarkeit: Europa hängt stark von US-Firmen ...
[10] US-Gericht: Google muss Chrome und Android nicht ...
[11] Trump befiehlt – Microsoft sperrt E-Mail-Account?
https://www.computerwoche.de/article/3989073/trump-befiehlt-microsoft-sperrt-e-mail-account.html
[12] Digitale Souveränität: Microsoft sperrt Zugriffe auf E-Mail/Cloud ...
[13] US-Sanktionen behindern Arbeit des IStGH
[14] Strafgerichtshof: Microsofts E-Mail-Sperre als Weckruf für digitale Souveränität
[15] Daten bei US-Anbietern – immer noch eine gute Idee?
https://www.datenschutz-notizen.de/daten-bei-us-anbietern-immer-noch-eine-gute-idee-0055903/
[16] Nach Drohung des Präsidenten: Outlook Account gesperrt
https://www.datajob.de/nach-drohung-des-praesidenten-outlook-account-gesperrt/
[17] Internationaler Strafgerichtshof: Sie machen vor, wie man Trump trotzt