Eine Küstenlandschaft, ein blauer Himmel in der Ferne, das Wasser dicht von Algen durchwachsen, Scharen von Muscheln breiten sich auf den Felsen aus. Eine Frau in pinkfarbener Kleidung schwebt bäuchlings im Wasser, die Gliedmaßen von sich gestreckt wie die eines Seesterns, ihre Hände klammern an einem Vorsprung. Das Bild erinnert an Shakespeares Ophelia – oder besser gesagt an das gleichnamige Gemälde (1851/52) von John Everett Millais, das die junge Adlige in einem Bach treibend darstellt. Auf dem Gemälde ist Ophelia noch am Leben, doch wir wissen, dass ihr wassergetränktes Kleid bereits beginnt, sie in die Tiefe zu ziehen.

Ein Unbehagen wohnt auch diesem Foto, der künstlichen Farbe der Kleidung, der Starre des Körpers inne. Das Bild von Barbara & Michael Leisgen ist Teil der Serie Pink Depression, aufgenommen an Orten, die von der Zerstörung der Natur durch menschliches Handeln zeugen: algengesäumte Küstenstreifen, verseuchte Seen, abgeholzte Wälder. Die Serie folgt auf Mimesis, eine Reihe von Schwarz-weiß-Fotografien, auf denen Barbara Leisgens Körper, mit dem Rücken zur Kamera, abwechselnd mit der Landschaft im Hintergrund verschmilzt oder sich von ihr abhebt.

Nach dem Kennenlernen während ihres Kunststudiums in Karlsruhe in den 1960er-Jahren geben Barbara und Michael Leisgen ihre jeweiligen Disziplinen der Malerei und Skulptur auf, um ihre Arbeit als Duo fortzuführen. Das Paar einigt sich auf analoge Fotografie als gemeinsames Medium, weil sie in ihren Augen weniger von einem individuellen künstlerischen Duktus geprägt ist und sich deshalb besser für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit eignet. Sie lassen sich zunächst in Ostbelgien nieder, wo sie viele Jahre arbeiten, bevor sie nach Aachen umsiedeln. Ihr Schaffen führt sie über die Jahre durch ganz Europa, doch viele der Fotografien sind in Belgien entstanden – darunter einige Bilder aus der Serie Pink Depression, aufgenommen an Flüssen und Bächen, die vom Abwasser eines nahegelegenen Aluminiumwerks verschmutzt wurden.

Die Leisgens bringen sich das Fotografieren selbst bei. Dabei ist ihr Werk von einer konzeptuellen Herangehensweise an das Medium geprägt: die Kamera ist ein Werkzeug, der Negativfilm ist ein Material, und auf beide kann Einfluss genommen werden. Sowohl mit Mimesis als auch mit der späteren Serie Sonnenschriften, für die sie mithilfe von Sonnenlicht Symbole und Buchstaben in die Filmnegative brennen, erkunden die Leisgens, was sie als die urmenschliche Neigung zur Imitation der Natur und ihrer Formen begreifen. Diese Arbeiten fordern uns zur Erneuerung unserer Verbindung mit den Sternen, der Erde und dem Himmel auf – mit den Worten der Leisgens: zu „lesen, was noch nie geschrieben worden ist“.

In Pink Depression verdeutlicht sich die fortwährende Beschäftigung mit der Ausbeutung unserer Umwelt: Barbara Leisgen ist hier nicht mehr aufrecht, sondern horizontal und dafür umso verwundbarer, ihr Körper kontaminiert von der Landschaft, anstatt sie bloß visuell nachzuempfinden. Ihre Silhouette und ihr Auftreten sind feminin kodiert, doch die pinkfarbene Kleidung kontrastiert deutlich mit der gefährlichen, tödlichen, verwesenden Atmosphäre, die über den Fotografien hängt.

Diese Bilder bringen eine Idee zum Ausdruck, die auch für den Ökofeminismus – eine Strömung in der Philosophie – von zentraler Bedeutung ist: dass die Erde und alles Leben auf ihr miteinander verbunden sind. Indem wir die Natur zerstören, misshandeln wir uns letztlich selbst. Der Ökofeminismus sieht die Ausbeutung der Umwelt als Ausläufer einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, die vermeintlich männliche Werte wie Dominanz und Eroberungsdrang über die Aktivitäten stellen, die Tag für Tag das Leben schaffen und erhalten. Menschen in Machtpositionen nutzen die Natur aus, als sei sie ihr Eigentum – insbesondere, um Reichtum anzuhäufen – und zwar nicht unähnlich der Art, wie Männer über weite Strecken der Geschichte hinweg Frauen als Eigentum behandelt haben.

Die Serie entsteht zu einer Zeit, in der die „grüne Revolution“ der 1980er-Jahre massive Umbrüche in der Landwirtschaft hervorbringt. Die globale Industrialisierung der Lebensmittelproduktion führt damals zu einer noch nie dagewesenen Intensivierung der Agrarflächennutzung und zur weiten Verbreitung von Pestiziden sowie chemischen Düngemitteln. Gleichzeitig wächst das öffentliche Bewusstsein für Umweltanliegen wie Luftverschmutzung und Waldsterben. Diese Wende beeinflusst auch viele Künstler:innen, da sich die „Landschaft“ – bislang ein saisonal launisches aber ansonsten zeitloses künstlerisches Motiv – in ihrer Bedeutung zu wandeln beginnt. Konnte die Natur soweit noch als reiner und idyllischer Hintergrund behandelt werden, wird sie nun sowohl zum Schauplatz ganz eigener, dynamischer Kräfte als auch zum Raum für Interventionen. Das Werk von Barbara & Michael Leisgen erinnert unweigerlich an die damals aufblühenden Kunstformen der Land Art und der Umweltkunst und ihre Vertreter:innen – von Robert Smithson und Nancy Holt über Ana Mendieta bis hin zu Bernd und Hilla Becher oder Gordon Matta-Clark –doch ihre ganz eigene Herangehensweise an Fotografie, Landschaft und den menschlichen Körper entzieht sich einer einfachen Kategorisierung.

Die ökologischen Sorgen der 1980er-Jahre wirken nun, angesichts der bedrückenden Gegenwart und alarmierender Vorhersagen für die Klima- und Biodiversitätskrise, beinahe reizvoll altmodisch. Doch diese Ausstellung stellt uns vor die fundamentale und unbestreitbare körperliche Wirklichkeit unseres irdischen Daseins. Großkonzerne und Politiker:innen gleichermaßen wollen uns die spekulative Idee einer künstlichen Superintelligenz verkaufen, die auf wundersame Weise alle Probleme der Menschheit lösen soll. Diese Vision wird als Grund vorgeschoben, um natürliche Ressourcen und menschliche Arbeit in einem nie dagewesenen Ausmaß auszubeuten. Gerade in diesen Zeiten sind die Arbeiten von Barbara & Michael Leisgen von besonders erschütternder Dringlichkeit. Unsere Zellen, unsere Körper befinden sich in ständiger Bewegung, im permanenten Austausch miteinander und mit ihrer Umgebung; wie in den Fotografien aus der Serie Pink Depression ist diese Wechselseitigkeit so beängstigend wie hinreißend – eine Warnung und eine Chance zugleich.

Diese Ausstellung ist das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem IKOB und Barbara & Michael Leisgen. Durch die enge Bindung des Paares an Ostbelgien befinden sich bereits seit langem einige ihrer Werke in der IKOB-Sammlung. Seit dem Tod von Barbara Leisgen 2017 arbeitet Michael Leisgen daran, das Œuvre des Duos zu vervollständigen, das seinerzeit nicht immer über die notwendigen Mittel verfügte, um Abzüge aller Werke anzufertigen. Obwohl diese Fotografien vor mehr als vierzig Jahren entstanden sind, sind sie nun zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Sie sind nun Teil der Sammlung des Museums, was das IKOB zu einer der wichtigsten Institutionen für die Bewahrung und Verbreitung des Werks der Leisgens macht.

Um ihr Werk und ihr Vermächtnis weiter zu fördern und zu bewahren, wird das IKOB 2027 die erste Monografie von Barbara & Michael Leisgen herausgeben. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf einer Sonderedition von 10 Drucken mit dem Titel Das Tal der Menschheit fließt in die Finanzierung dieses Vorhabens. Die Edition hängt neben der Ausstellung zur Einsicht und ist zum Erwerb in unserem IKOB shop im Museum und online erhältlich. Mehr Informationen finden Sie hier.

Diese Ausstellung wird von der Kunststiftung NRW und von Ostbelgien gefördert.

Über die Künstler:innen

Barbara Leisgen wurde 1940 in Gengenbach (DE) geboren und verstarb 2017 in Aachen (DE). Michael Leisgen wurde 1944 in Spital am Pyhrn (AT) geboren und lebt und arbeitet in Aachen. Nach dem Kunststudium in Karlsruhe geben beide ihre jeweilige künstlerische Praxis – Malerei und Bildhauerei – auf, um sich gemeinsam und autodidaktisch der Fotografie zu widmen. Ihre Arbeiten sind in der Konzeptkunst verankert und bewegen sich in der engen Auseinandersetzung zwischen Körper und Natur im Spannungsfeld von Fotografie, Performance und Land Art.

Die Arbeiten von Barbara & Michael Leisgen werden regelmäßig in Gruppenausstellungen gezeigt. Dazu gehören: documenta 6, Kassel (DE), 1977; Sublime, Centre Pompidou-Metz, 2016; Columbus Museum of Art, Columbus (US), 2016; WIELS, Brüssel (BE), 2025. Darüber hinaus wurden ihnen Retrospektiven gewidmet, unter anderem 1997 in der Maison Européenne de la Photographie, Paris (FR) sowie 2000 im Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen.