Eröffnungsrede
Foto: Gerd Plitzner

29.05.–03.06.2018

Marleine Chedraoui

[ˈsəːvIs] Present ٠ Perfect ٠ Continuous

Eröffnung: 29.05.2018, 19:00

Die Künstlerin Marleine Chedraoui setzt sich in ihren Ausstellungsprojekten zumeist konzeptuell mit dem Kunstsystem auseinander und macht Prozesse und Funktionsweisen sichtbar, die für gewöhnlich als normal empfunden und daher unhinterfragt bleiben. Dafür erfindet sie Situationen und Ereignisse, die die international praktizierten Verfahren des Kunstbetriebes zitieren, wiederholen und letztlich damit dekonstruieren.

In Ihrer Ausstellung [ˈsəːvɪs] Present ٠ Perfect ٠ Continuous im IKOB bedient sie sich dem wahrscheinlich bekanntesten Ereignis des Kunstbetriebs, der Ausstellungseröffnung. In zwei abgetrennten Räumen des IKOB inszeniert die Künstlerin die Ausstellung, in dem benachbarten Raum die Eröffnungsrede. Museumsbänke und ein Rednerpult definieren den einen, ein Sockel und ein Readymade, bestehend aus einer handelsüblichen Saugglocke, mit der üblicherweise verstopfte Abflüsse gesäubert werden, den anderen Raum.
Die Zuweisung der jeweiligen Funktionen der ausgestellten Dinge erfolgt durch das Zitieren gängiger Museumscodes, wie zum Beispiel dem Rednerpult, das eigens für die Eröffnung bereitgestellt und benutzt wird, um bestimmten Personen die Möglichkeit zu geben die Ausstellung zu erklären. Die Kunst, die der Vermittlung bedarf, kommt ohne die vom Kunstwerk abgekoppelte Vermittlung in Form einer Rede offenbar nicht aus? Zu Wort kommt zumeist Direktoren oder die Direktorinnen. Sie sind es, die zu den Besucherinnen und Besuchern sprechen, den Schlüssel zum Werk bereithalten und diesen in Form eines Vortrags mit den Anwesenden teilen.

Um diesen Moment der Teilung nicht nur anzudeuten, hat Chedraoui mehrere Direktorinnen und Direktoren anderer Museen ins IKOB eingeladen, um an besagtem Rednerpult tatsächlich eine Rede zu halten. Eine Rede mit dem Titel „Die Eröffnung“, die von der Künstlerin aus Textfragmenten aus Wikipedia und anderen Onlinequellen zu dem Suchbegriff der Eröffnung collagiert wurde. Darin wird deutlich, dass das Wort durchaus in einem anderen Sinn gebraucht werden kann. Im Schach hat die Eröffnung eine wichtige strategische Funktion, die den ganzen Verlauf des Spiels vorbestimmen kann. Sätze aus der Rede wie zum Beispiel „das Ziel der Eröffnung ist es, sich zu vernetzen, zu entwickeln und in eine sichere Position zu bringen“ lesen sich ganz anders, wenn man an die Kunst und nicht an Schach denkt.

Chedraouis Manöver die Ausstellung selbst auszustellen, sie damit gleichsam auf den Seziertisch zu legen und genüsslich zu analysieren ist extrem effektiv, denn es ist unmöglich sich der Frage zu entziehen, warum eine Ausstellungseröffnung immer gleich abläuft, denselben Mustern folgt. Fragen der Macht, die im Verhältnis von Kunst und Wort, von Künstlerinnen und Künstlern zu Direktorinnen und Direktoren aufscheinen werden zum Gegenstand der Ausstellung – dies ist die große Leistung der Künstlerin, die auf das Kunstsystem blickt, als gehörte sie nicht dazu. Dieser Schritt in die Reihe der Betrachtenden hat bei ihr jedoch nichts Kühles und nichts Wertendes. Wie im Schach ist die Eröffnung der Künstlerin eine Strategie, um die Kunst aus dem Würgegriff der Kontextualisierung zu befreien. Damit ist Chedraoui in vielerlei Hinsicht eine emanzipative Künstlerin.
Die Ausstellung findet an sechs aufeinanderfolgenden Tagen statt.

Zur Eröffnung am 29. 5., gegen 19 Uhr 30, wird Dr. Andreas Beitin, Direktor des Ludwig Forum Aachen die Textcollage „Die Eröffnung“ verlesen. Weitere Termine werden bekannt gegeben.

Das Verlesen der Textcollage findet in deutscher Sprache statt.